Henry Suso – Tod des Ichs

Bl. Heinrich Suso (um 1300 – 1366) studierte Theologie bei Meister Eckhart in Köln. Aber Eckhart war für ihn mehr als ein Lehrer: In Susos Autobiographie gibt es einen berührenden Bericht darüber, wie er zu Eckhart ging, als sein überempfindliches Gewissen ihn quälte, und wie Eckhart ihm völligen Frieden gab. Er trat in seiner Heimat Konstanz in den Dominikanerorden ein. Einige Jahre später hatte er eine tiefe religiöse Erfahrung, die er sehr detailliert beschrieb. Es war der Beginn einer großen Liebesgeschichte, erzählt mit beeindruckender literarischer Kompetenz in der zarten Sprache der höfischen Liebe. Die Ewige Weisheit bietet sich in der Heiligen Schrift sehr liebevoll als eine schöne Geliebte an, die sich schön schmückt, um allen Menschen wohlgefällig zu sein, und sanft in der Gestalt einer Frau spricht, um alle Herzen zu sich selbst zu neigen.
Die Sprache des Rittertums, die in einem späteren Jahrhundert in Don Quijote parodiert wurde, war in Susos Jahrhundert noch brauchbar. ‚Dein junges widerspenstiges Herz‘, sagte er zu sich selbst, ‚kann es kaum ertragen, ohne einen besonderen Gegenstand der Liebe zu sein. So meditierte er oft über sie, dachte liebevoll an sie und mochte sie von ganzem Herzen und ganzer Seele. Der mittelalterliche Ritter freute sich, für die Frau zu leiden, die er anbetete.
Zwei seiner Bücher sind als Dialog geschrieben, eine beliebte literarische Form im 14.Jahrhundert. Der Dialog besteht zwischen ihm (‚dem Jünger‘) und Gott (‚Ewige Wahrheit‘, die wie ‚Ewige Weisheit‘ ein weibliches Substantiv ist). Das Thema ist der Tod des Ego.

Jünger: Herr, was ist wahre Loslösung?
Wahrheit: Nehmt mit sorgfältiger Unterscheidung Kenntnis von diesen beiden Worten: sich selbst und gehen. Wenn Sie wissen, wie man diese beiden Wörter richtig abwägt, ihre Bedeutung gründlich bis ins Mark prüft und sie mit wahrer Einsicht betrachtet, dann können Sie schnell die Wahrheit erfassen. 5118 Nimm zuerst das erste Wort – dich selbst oder mich selbst – und sieh, was es ist. Es ist wichtig zu erkennen, dass jeder Mensch fünf Arten von Selbst hat. Das erste Selbst, das wir mit einem Stein gemeinsam haben, und das ist Sein. Die zweite teilen wir mit Pflanzen, und das wächst. Das dritte Selbst teilen wir mit Tieren, und das ist Empfindung. Die vierte, die wir mit allen anderen Menschen teilen: wir besitzen eine gemeinsame menschliche Natur, in der alle eins sind. Das fünfte – das einem Menschen ausschließlich als sein eigen gehört – ist das individuelle menschliche Selbst…
Was ist es nun, das die Menschen in die Irre führt und ihnen das Glück raubt? Es ist ausschließlich dieses letzte Selbst. Aus diesem Grund wendet sich eine Person nach außen, von Gott weg und zu diesem Selbst, wenn sie nach innen zurückkehren sollte. So gestalten sie sich selbst nach dem, was zufällig ist. In ihrer Blindheit machen sie sich zu eigen, was Gottes ist. Diese Richtung nehmen sie ein, und sie versinken schließlich in Sündhaftigkeit….
Jünger: Die Wahrheit sei gepriesen! Lieber Herr, sag mir, bleibt noch etwas (von diesem Selbst) in der glücklichen, distanzierten Person?
Wahrheit: Ohne Zweifel kommt es vor, dass der gute und treue Diener, wenn er in die Freude seines Herrn geführt wird, betrunken wird von der grenzenlosen Überfülle des Hauses Gottes. Was einem betrunkenen Menschen geschieht, geschieht ihm, obwohl es nicht wirklich beschrieben werden kann, dass er sein Selbst so vergisst, dass er überhaupt nicht sein Selbst ist und folglich sein Selbst vollständig losgeworden ist und sich vollständig in Gott verloren hat und in jeder Hinsicht ein Geist mit ihm geworden ist, wie es ein kleiner Tropfen Wasser tut, der in eine große Menge Wein getropft wurde. Wie der Wassertropfen sich verliert, den Geschmack und die Farbe des Weines zu und in sich zieht, so geschieht es, daß die, welche im vollen Besitz der Seligkeit sind, alle menschlichen Begierden in unaussprechlicher Weise verlieren, und sie ebben von sich ab und tauchen ganz in den göttlichen Willen ein. Andernfalls, wenn etwas von dem Individuum übrig bliebe, von dem er oder sie nicht vollständig entleert wäre, könnte die Schrift nicht wahr sein, wenn sie sagt, dass Gott alle Dinge in allen Dingen werden wird. Gewiss bleibt das eigene Sein, aber in einer anderen Form, in einem anderen Glanz und in einer anderen Kraft. Dies alles ist das Ergebnis der totalen Loslösung vom Selbst.

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